Wenn es Herbst wird…. Krisen der Lebensmitte

Veröffentlicht von

Der Sommer neigt sich langsam dem Ende zu und die Vorboten des Herbstes sind bereits spürbar.

So wie in der Natur verhält es sich auch mit dem menschlichen Leben. Die „Hoch-Zeit“ des Sommers geht allmählich über in die volle Reife des Herbstes, die noch viel Schönes für uns bereithalten kann. Man muss nur neugierig bleiben und sich für diese reiche Vielfalt öffnen. Dabei ist es wichtig, zwischen Lebensmitte und Krise der Lebensmitte zu unterscheiden. Das eine ist eine Art „Wachstumsvorgang“, in dem das Leben schließlich in eine neue Gestalt übergeht, die „midlife-crisis“ hingegen ist Symptom der Störung eben dieses Wachstums im Übergang. Grundsätzlich wäre es auch möglich, beide Formen als „Krise“ zu bezeichnen und den Oberbegriff der Krise aufzusplitten in eine kreative (Wachstums-) und in eine destruktive (Verfalls-)Krise. Typisch für die destruktive Variante der Krise wäre dann deren „Nostalgie“. Es ist ein Festhalten am bisher Gewordenen. Die Auseinandersetzung mit der neuen Situation des Lebens findet nicht statt und kann vereinzelt auf Grund der bisherigen Lebensgeschichte nicht stattfinden. Das drängende Neue aber macht Angst und treibt in das Vergangene zurück.

Als Momente der Krise der Lebensmitte lassen sich drei Teilkrisen herausschälen: Berufskrisen, Beziehungskrisen und Sinnkrisen.

Berufskrisen: Die Krise der Lebensmitte kann sich in einer beruflichen Krise äußern. Ein bekannter Beethoveninterpret übersiedelt in die Jazzszene. Ein erfolgreicher Manager verlässt seine Karriere und bewirtschaftet einen Bauernhof. Ein hervorragender Pfarrer steigt aus. Viele fühlen sich in ihrem bisherigen Beruf nicht mehr wohl. Also wechseln sie. Manchmal kommt das Gefühl dazu, dass die nächste Generation mächtig nachdrängt. Man kann nicht mehr mit. Noch wichtiger kann die Frage werden, ob man denn überhaupt den richtigen Beruf gewählt hat. Hat man nicht auf das falsche Pferd gesetzt? Ist man nicht auf das berufliche Abstellgleis geraten? Irgendwann, unbemerkt? Berufliche Krisen fallen allerdings heute nicht mehr besonders auf. Viele werden genötigt oder haben die Chance, mehrmals im Leben den Beruf zu wechseln. Das verdeckt oft Berufskrisen, macht sie weniger wahrnehmbar. Ein Berufswechsel zumal in der Lebensmitte kann somit vieldeutig sein.

Auffälliger hingegen ist ein Wechsel im Beziehungsbereich. Da verlässt der Mann seine Familie, mit der er über Jahre einigermaßen zufrieden gelebt hat und zieht zu einer (oft um viele Jahre jüngeren) Freundin. Oder es werden soziale und sexuelle Treue getrennt; um der Kinder willen bleibt der Familienverbund bestehen; doch werden über die Ehe hinaus Beziehungen unterhalten. Sind dann aber die Kinder aus dem Haus – geht also die Ehe von der generativen in die postgenerative Phase über – kommt auf, wie die Ehe beschaffen ist, ob sie lebendig ist oder im Grund doch schon verlassen wurde. Statt zweiter Flitterwochen, also anstelle einer neuen Wachstumsphase innerhalb der Ehegeschichte, kann dann bleibende Entfremdung aufkommen. Um die Lebensmitte werden überdurchschnittlich viele Ehen geschieden. Es überrascht nicht, dass um die Lebensmitte auch Ehelose ihren Lebensstand verlassen und sich in eine eheliche oder eheähnliche Beziehung begeben.

Geht man davon aus, dass die wichtigsten Lebensorte der meisten Menschen Beruf und Beziehungen sind, ist klar, dass – wenn diese in die Krise geraten – auch der konkrete Lebenssinn selbst angegriffen wird. So kann sich die Krise der Lebensmitte zu einer Sinnkrise auswachsen. Wurde bisher der Lebenssinn verfehlt? Oder blieb er noch unentdeckt? Natürlich zeigt sich auch hier, dass die Sinnkrise, wie jede andere Krise auch, kreativ sein kann: in der Krise wird ein Mensch genötigt, zu klären, wofür er lebt.

In einem meiner nächsten Artikel werde ich das Phänomen des Übergangs der Lebensmitte näher beleuchten.

©Renate Plöchl, Tel. 0676 31 38 390

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.