Die Innenseite des Phänomens im Hintergrund des Überganges der Lebensmitte

Veröffentlicht von

Welche Probleme  sind nun im Hintergrund des Überganges der Lebensmitte wirksam? Die Experten sind sich darin nicht einig. Eine Gruppe vermutet, dass sich im Hintergrund die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und dem Tod abspielt: Die Ängste der Vierziger erwachsen aus der Furcht vor dem Tod. Eine andere Gruppe, zu der unter anderem Carl G. Jung oder auch George E. Vaillant (Vaillant, Werdegänge, VO-Text) gehören, nehmen nicht Angst vor dem Tod, sondern eine tiefgreifende Veränderung an: „Programmwechsel“ ist das Schlüsselwort. Vergleicht man diese beiden Interpretationen, dann erweist sich die eine eher als formal und inhaltsarm, die andere hingegen als material. Wird „Veränderung“ vermutet, dann ist ja immer noch die Frage offen, was diese Veränderung auslöst und woran sie sich orientiert. Welche Kriterien hat denn der Mensch in dieser Veränderung zur Verfügung? Hingegen ist die Auseinandersetzung mit dem Tod inhaltlich präzisiert. Einiges spricht auch für die zweite Annahme. Nachweislich nimmt nach vierzig Jahren die Zahl jener Personen deutlich zu, die mehr an den Tod als an das „Selbst“ denken. Auch hat man beobachtet, „dass Begräbnisse für die Vierzigjährigen genauso starke Bedeutung, wie die Ehe früher in den Zwanzigern.“ (Vaillant, Werdegänge). Hingewiesen wird auch auf die erhöhte Selbstmordrate um die Vierzig.

Dagegen könnte angeführt werden, dass der Selbstmord nicht Ausdruck einer Furcht vor dem Tod, sondern einer Angst vor dem Leben ist. In einer amerikanischen Langzeitstudie („Grantstudie“) wurde entdeckt, dass (zumal in früheren Jahren) bislang farblose Männer in den Vierzigern eine Art „Neugeburt“ erlebten, eine Art „persönliche Renaissance“, welche die Betroffenen in Bann hält. Das deutet weniger auf eine Angst vor dem Tod, denn auf ein „Neuerwachen der Lebensantriebe“ hin.

Diese beiden Momente – Angst vor dem Tod und Neuerwachen der Lebensgeister –  müssen aber keineswegs widersprüchlich sein. Sie können beide gut integriert werden, wenn man sie versteht als Auseinandersetzung der Vierzigjährigen mit der zunehmend unausweichlichen Erfahrung der Endlichkeit des Lebens. Nicht der Tod wird gefürchtet, sondern es wird die Endlichkeit erkannt oder zumindest erahnt. Das kann dazu führen, dass bisher noch ungenützte Lebensmöglichkeiten ergriffen werden.

Denn die Zeit ist kurz.

Fortsetzung folgt

© Renate Plöchl, 0676 31 38 390

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.