Genderseite

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Wie viele von Ihnen wissen, bin ich Religionslehrerin in einer Volksschule in Aspern. Ich habe in den meisten Klassen noch viele Kinder, die den Religionsunterricht besuchen, sie machen mit Freude mit, auch wenn die wenigsten religiös sozialisiert sind, kaum ihre Pfarrkirche kennen, viele von ihnen nicht getauft sind. Doch sie machen sich so ihre Gedanken zu religiösen Dingen, sehen die Welt vielleicht unbelasteter als die, die in einer Pfarrgemeinde beheimatet sind, die Traditionen verinnerlicht haben und vieles auch nicht hinterfragen.

Nach Weihnachten habe ich in einer Mehrstufenintegrationsklasse über das Leben zur Zeit Jesu in Israel gesprochen. Da gab es keine Autos und kein elektrisches Licht und kein Wasser aus dem Wasserhahn, keinen Supermarkt und kein Möbelgeschäft, fast alles fertigten sich die Leute selbst an. Zur Schule gingen nur die Buben und lernten aus Schriftrollen, die das Alte Testament enthielten, lesen und schreiben. Gleich regten sich da einige Mädchen auf, wie es da nur so ungerecht zugehen konnte, einige Buben zeigten ein leicht erfreutes Lächeln. Die Klassenlehrerin, die zufällig auch da war, fragte die Kinder sogleich, welchen Rechten dies widerspräche. Natürlich den Kinderrechten der Vereinten Nationen wussten die Kinder. Jedes Kind, gleich welcher Hautfarbe, Nationalität, Geschlechtes, Religion usw. hätte die gleiche Würde und das gleiche Recht auf Bildung. Zur Zeit Jesu war das also nicht so und auch bei uns wurden lange Zeit Unterschiede zwischen Buben und Mädchen gemacht. Wozu sollte ein Mädchen was lernen, wenn es dann sowieso Haushalt führen und Kinder kriegen würde. Und in vielen Ländern ist es noch immer so, auch wenn sie die Charta der Kinderrechte unterschrieben haben. Wo zwischen Mädchen und Buben keine Gerechtigkeit herrscht, dort ist es zwischen Männern und Frauen leider auch so. In Island müssen die Firmen jetzt die Gehälter offen legen, damit Frauen und Männer endlich in gleichen Berufen auch das gleiche verdienen. In Saudi Arabien dürfen Frauen (in Begleitung ihrer Familie) endlich ein Stadion besuchen und sie dürfen autofahren, ja sogar ein Auto in einem Autohaus für Frauen kaufen. Die Fortschritte sind unterschiedlich und nach jedem gendergerechten Fortschritt lauert in unserer Welt leider auch schon wieder der nächste Rückschritt, Frau muss wachsam bleiben.

In einer dritten Klasse mit vielen aufgeweckten Kindern, einige von ihnen sind begeisterte Sternsingerinnen, sprachen wir über das Judentum. In der Wiener Stadtsynagoge sitzen Frauen und Männer getrennt. Männer unten, weil sie ja aus der Thora lesen dürfen, Frauen am Balkon, sie dürfen im traditionellen Judentum nur zuhören. Man sagt, sie sind die Trägerinnen des Glaubens zu Hause in der Familie, aber in der Öffentlichkeit steht der Mann, Rabbiner und Kantoren sind daher männlich. Es soll zum Schutz der Frauen sein, weil sie ja durch die Haushalts- und Kindererziehungspflichten, gar nicht allen religiösen Aufgaben, wie sie Männer haben, nachkommen können.

Meine Mädchen haben sich aufgeregt und als ich dann leise darauf hinwies, dass es in der katholischen Kirche ja auch keine weiblichen Priester gäbe, also auch bei uns keine Geschlechtergerechtigkeit gäbe, na da haben sie mit den Augen gerollt und gemeutert. Diese Kinder haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Denn obwohl wir momentan keine große Kirchenaustrittswelle haben, so werden doch, das merken wir auch in unserer Pfarre, die KirchenbesucherInnen weniger, die   das Katholische im Blut haben und wenig über die Umstände nachdenken oder sie hinnehmen, weil das Gemeindeleben uns Heimat gibt, uns freut, weil wir zu einer schönen Gemeinschaft dazugehören. Meine Schülerinnen haben das meist nicht, wenn sie erwachsen werden und kritisch nachdenken, was werden sie über einen so ungerechte Kirche denken, die die Charta der Menschenrechte wohlweislich nicht unterschrieben hat, die Frauen den Zutritt zu den Weiheämtern verwehrt, nur weil sie Frauen sind. Weil Männer ihre Macht nicht teilen wollen, denn dies ist doch in jeder Religion und in jeder Tradition der mehr oder weniger versteckte Grund für Genderungerechtigkeit. Die schönen Worte, die davon ablenken wollen, sind leicht zu durchschauen, wenn man es nur will.- Elisabeth „Sissi“ Eichinger

 

 

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