Optimismus

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Gerne verbringe ich jährlich einen Kurzurlaub auf dem Großbauernhof Schaureith in Lunz am See, wo die Luft noch würzig ist und die Tiere auf dem Anwesen punkto Streicheleinheiten auf ihre Rechnung kommen. Total verwöhnt von den Gästen.

Vor geraumer Zeit, im Rahmen einer Veranstaltung im Lunzer Pfarrsaal, setzte sich ein Mann mittleren Alters an unseren Tisch. Bald kamen wir ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung outete sich der Mann als 50-jähriger Baufacharbeiter aus Wien, der seinen Job verloren hatte, vor einer ganzen Weile schon. Nicht mehr gebraucht worden, eine Umschulung, weiterhin nirgends gebraucht.

Seine finanzielle Situation war nicht aufs Äußerste angespannt. Es gab ein paar „goldene Jahre“, sofern man in diesem harten Beruf von Gold reden kann. Die Frau hat meistens dazuverdient. Die Wohnung war bereits abbezahlt, die Kinder gingen aufs Gymnasium. Notgroschen noch nicht aufgebraucht, Lebensstandard weitgehend aufrecht.

Jetzt nicht resignieren, sagte er. Ich bin noch nicht zu alt, ich bin gesund, ich bin flexibel, ich werde einen Job finden. Ich bin einer von Zigtausenden Menschen, die keinen Job haben. Man muß am Ball bleiben, meinte er, optimistisch bleiben, dann tut sich schon was. Nur nicht resignieren!

Ein idealer Kandidat für den Arbeitsmarkt in vieler Hinsicht. So sehen Arbeitslose aus, wenn sie auf Plakaten Werbung machen für das AMS: Alles ist möglich, und bald ist etwas fix. Du wirst schon einen Job finden, sagte die Frau, du bist tüchtig. Die Kinder sagten nicht viel. Es ist peinlich, wenn der Vater arbeitslos ist. Was macht dein Vater? NICHTS…?

Der Optimismus des Mannes hatte schon viele dunkle, brüchige Stellen. Die kleinen Stiche und Demütigungen im Alltag. Wenn der Mann in die Trafik ging, Zeitungen kaufen oder gar Zigaretten, gleich ums Eck, wo ihn jeder kennt: diese Blicke. Manchmal mit, manchmal ohne Worte: Dir muss es ja super gehen, den ganzen Tag Zeit und Geld genug zum Rauchen.

Wenn die Kinder neue Jacken bekamen, da sah man`s wieder: Gut geht`s den Leuten auf Staatskosten. Und ein Auto hat der Mann auch immer noch. Dem konnte es ja gar nicht so schlecht gehen.

Es geht mir immer schlechter, sagte der Mann, weil man als Arbeitsloser behandelt wird, als wäre man menschlicher Abfall.

© Renate Plöchl, 0676 31 38 390

 

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