LEBENSMITTE

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Wieder komme ich auf das schier unerschöpfliche Thema „Lebensmitte und deren Krisen“ zurück. Hier möchte ich ein paar Bewältigungsmuster herausgreifen. Es ist verständlich, dass um die Lebensmitte eine Art Lebensbilanz gezogen wird. Das, was bisher war, wird mit den Entwürfen und Träumen verglichen. Folgende Fragen können auftauchen: War das alles? Habe ich nicht viel versäumt? Ist da nicht auch viel Ungelebtes? Vernachlässigtes? Sind überhaupt die Träume die richtigen, bin ich nicht falschen Zielen nachgelaufen? Natürlich sollen solche eher depressiven Fragen nicht verstellen, dass einer in der Lebensmitte auf viel Erledigtes, auf große Leistungen zurückblicken kann, auf Erfolge, die ihn stolz machen können. Eine solche Bilanz arbeitet stets mit Kriterien. Häufig sind diese aber gar nicht ausdrücklich bewusst. Der einzelne Mensch hat sie im Lauf seines Lebens aus seiner Umwelt, von seinen Angehörigen, aus der Alltagskultur mitbekommen. Unsere gegenwärtige Kultur tendiert dazu, vor allem Erfolg in beruflicher und ökonomischer Hinsicht hoch einzuschätzen, andere menschliche Kriterien werden vernachlässigt. Insgesamt sind die dominanten Kriterien zudem „rein innerweltlich“, transzendenzarm also. Andere Kulturen verwenden andere Bilder und Mythen als Maßstäbe. Diese sind sanfter. Der Mensch gilt als Moment an einem umfassenden Lebensstrom, aus dem er hervorgeht und in den er zurücksinkt (C.G Jung).

Bewältigungsmuster: Auf dem Hintergrund der bisherigen kleinen Phänomenologie des Übergangs der Lebensmitte und der in ihr möglichen Krisen kann nun in einer groben Typologie gezeigt werden, wie (heute) Menschen mit diesem Übergang umgehen.

Der depressive Typ

Ein erster Typ reagiert depressiv. Resignation herrscht vor. Es war eben nicht mehr. „Man schränkt sich auf das Erreichbare ein“, so Jung, der hinzufügt, dass bei einem solchen Verzicht auf die anderen seelischen Möglichkeiten „ein Stück wertvoller Vergangenheit, beim anderen ein Stück wertvoller Zukunft verloren geht“. Man richtet sich ein „auf die langsame Gewöhnung ans Totsein in der geheizten Wohnung, den großen Stein vor der Tür“, so formulierte es Dorothe Sölle in einem Gedicht über die Auferstehung. Solche Resignation, häufig mit Nostalgie gemischt, drückt sich nicht selten in psychosomatischen Krankheiten aus. Selbstquälerischer Hass auf sich und andere stellt sich ein. Das alles ist Hinweis auf einen destruktiven Verlauf der Krise der Lebensmitte.

Der panische Typ

Ähnlich destruktiv, und doch anders, reagiert der panische Typ. H.Schreiber hat für ihn folgendes Bild bereitgestellt: Da hat ein Auto eine Passhöhe erklommen. Der Fahrer entdeckt, dass es von jetzt an bergab geht. Aber statt behutsam bremsend den Weg nach unten zu nehmen, beschleunigt der Fahrer. Der Ausgang kann nicht gut sein. Das im Bild gemeinte findet tatsächlich bei einigen statt. Angehörige dieses Typs verlassen fast panikartig ihre bisherige Biographie. Anders als jene, die sich enttäuscht abfinden, gehen sie davon aus, dass es nicht alles gewesen sein darf. Sie erkennen, dass sie in ihrem bisherigen Leben aus vielen Möglichkeiten jeweils nur die eine oder andere ausgewählt haben (und durch gesellschaftliche Konvention sich dazu auch nötigen ließen). Jetzt destabilisieren sie ihr bisheriges Lebensarrangement entweder teilweise oder ganz. Der Beruf wird gewechselt, die Familie verlassen. Es kann auch zu einer Umformung der Anschauung der Welt kommen:

Die Midlifekrisis kann somit die Zeit der Skepsis, des Agnostizismus, aber auch der Konversionen werden: Es wird dieses oder jenes ausprobiert. Einzelne tauchen in fernen Ländern unter.

Um diese „panische Reaktion“ noch besser zu verstehen, lohnt es sich, eine soziologische Deutung des Karnevals heranzuziehen.

Davon aber in der nächsten Ausgabe.

© Renate Plöchl, 06763138390

 

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