Genderseite

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Heuer feiere ich meinen 60er und da kommen mir so allerlei Gedanken. Wie hat sich das Leben so in den letzten 60 Jahren verändert. 1958 war die Mode sehr elegant und die Damen mit ihren Petticoats und Kostümen sehr weiblich gekleidet. Hosen trug kaum jemand, dafür noch mehr Hut und ältere Damen Kopftuch. Frau trug Dauerwelle und die Herren hatten das Haar   kurz geschnitten. Der Staatsvertrag war noch nicht lange abgeschlossen. Es waren die Zeiten des Wiederaufaufbaues. Die Vielfalt an Nationalitäten gab es in Österreich noch nicht, schwarzhäutige, rothaarige, Menschen mit Brillen oder mit ungebräuchlichen Namen fielen noch auf und mussten Spott befürchten. Wenig Toleranz gab es auch   für ledige Mütter oder gescheiterte Beziehungen. In Leopoldau gab es noch viele Bauern, zu Fronleichnam wurden Stauden geschlagen, die Gottesdienste waren voll. Es war vor dem Konzil und daher der Volksaltar noch nicht vorhanden, der Priester zeigte den Rücken und redete vieles auf Latein. Die Predigt kam von der Kanzel und für mich dann als Kind sehr beeindruckend, weil laut und von oben herab. Im Gottesdienst gab es noch viele Kinder und noch mehr Ministranten, damals nur männliche, die jede Hl. Messe bedienten, wenn auch mitunter mit Schalk im Nacken. Die Haustore waren großteils unversperrt und die Autos, noch in geringer Zahl, machten um die Leopoldauer Angerflächen zwischen den Straßen, die keine Einbahnen waren, manchmal Wettrennen. Viele Häuser hatten eine Nachkriegsfassade (auch der Pfarrhof) und dazwischen, wo der Krieg seine Opfer gefordert hatte, wurden schmucklose Bauten gestellt. Wir hatten damals sehr wenig, erzählen die meisten von damaligen Zeiten, doch trotzdem fuhr man auf Urlaub, halt sehr billig in ein Privatquartier. Was mir als Kind ja nicht auffiel, war die rechtliche Situation der Menschen. Arbeitnehmer hatten bis 1973 nur 2 Wochen Urlaub, bis 1959 eine wöchentliche Arbeitsverpflichtung von 45 Stunden. Männer waren gesetzlich das Haupt der Familie. Sie gaben den Familiennamen weiter, bestimmten den Wohnsitz, die Erziehungsziele und die Berufswahl der Kinder. Sie mussten sich dafür allein um den Unterhalt kümmern, Frauen waren zu ihrem Beistand und zur Pflege der Kinder verpflichtet. Wollte eine Frau arbeiten, musste ihr Mann zustimmen.

Der Haushalt war aber auch noch sehr aufwendig. Erst langsam etablierten sich Waschmaschinen. Fertigprodukte gab es kaum, also war auch das Kochen mühsam. In Ermangelung von Kühlgeräten konnte nicht viel gelagert werden und musste täglich eingekauft werden. Daher hatte eine Hausfrau echt viel zu tun. Die Berufstätigkeit einer Frau setzte auch noch Betreuungspersonal für die Kinder voraus, meist die Großmütter, weil ganztägige Kindergärten und Schulen selten waren. Und eine gute Frau blieb nach der Hochzeit, wenn es irgendwie möglich war, sowieso zu Hause. Daher war es auch kein Problem, schon um 11 Uhr von der Schule heim geschickt zu werden oder noch vor der Klimaerwärmung Hitzeferien zu haben. Auf alleinerziehende Berufstätige glaube ich, wurde da keine Rücksicht genommen. Leider dachte man damals auch wenig über Menschen mit besonderen Bedürfnissen nach. Lernschwache Kinder fanden sich ganz schnell in der Hilfsschule wieder. Wie Rollstuhlfahrende mit Öffis weiterkamen, weiß ich nicht, eingerichtet waren sie dafür auf alle Fälle nicht. Frauen waren gut beraten, bei der Eheschließung eine gute Wahl zu treffen, denn eine Scheidung stellte meist einen gesellschaftlichen Abstieg dar, oft war sie wirtschaftlich gar nicht machbar. Und dass es keine Verhütungsmittel gab, machte das Eheleben auch nicht einfacher. Also an der guten alten Zeit war nicht alles so gut, daran wollen wir denken, wenn wir das nächste Mal zu jammern beginnen. Und was noch so alles war in den letzten 60 Jahren – beim nächsten Mal!

– Elisabeth Eichinger

 

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