Lebensmitte

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In dieser Ausgabe möchte ich ergänzend zur „panischen Reaktion“ in der Lebensmitte (Ausgabe 5/18) zum besseren Verständnis dieses Bewältigungstyps eine soziologische Deutung des Karnevals heranziehen.

Was hat der Karneval eigentlich damit zu tun? Die meisten Gesellschaften kennen eine Zeit, die, gemessen am bürgerlichen Alltag, ungewöhnlich ist. Das Leben bekommt andere Gesetzmäßigkeiten. Was sonst nicht üblich ist, wird jetzt kurzfristig gelebt. Da zählen die eheliche Treue ebenso wenig wie Reichtum oder auch Macht. Das Leben wird närrisch. Soziologisch hat eine solche Phase ihren Sinn. Denn „Gesellschaft“ kann verstanden werden als ein verfestigter und verbindlicher Wissensvorrat zur Lösung wichtiger Aufgaben des menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Diesen Vorrat an Lebensmustern haben Menschen irgendwann konstruiert. Dabei haben Versuch und   Irrtum eine wichtige Rolle gespielt. Aus mehreren Möglichkeiten, die gar nicht alle schlecht sein mussten, wurde allmählich eine herausgenommen, verfestigt, anderen zugänglich und nach und nach verbindlich gemacht. Dass es in einer Gesellschaft viele Lebensstile nebeneinander gibt, ist erst eine relativ junge Einrichtung: Und auch hier ist eben nicht einfach alles möglich, sondern hat seine Grenzen an den Entscheidungen der anderen.

Für den einzelnen Menschen bedeutet das, dass er immer weniger Lebenschancen realisieren kann, als er sich vorstellt und erträumt. Die anderen – konkrete Personen ebenso wie der „generalisierte Andere“ – setzen ihm Grenzen.   Möglichkeiten werden verschlossen. Doch wird einmal im Jahr kurzfristig der gesellschaftliche Verschluss geöffnet.

Das ist eben der Karneval, in dem kurzfristig zulässig wird, was sonst nicht sein darf. Zumindest symbolisch kann dann vieles geschehen, was ansonsten unmöglich ist.

Solche soziologischen Annahmen über den Karneval lassen sich modifiziert auf die „panische Reaktion“ anwenden. Das Ausgreifen nach bisher biographisch unzugänglichen Lebensmöglichkeiten, das in einer überschaubaren Zeit geschehen soll, kann als eine Art „biographischer Karneval“ gedeutet werden. Biographisch (und vielleicht auch gesellschaftlich) „abgewählte“ oder bisher verschlossene Lebensgestalten werden zu erreichen gesucht. Und weil das – anders als beim Karneval – bei unserem panischen Typ mit einer gewissen Hast geschieht, kommt es nahezu zu einer Art „biographischen Powerplays“.

Es gibt natürlich zur Bewältigung der Lebenskrise auch eine „heitere Lösung“, die ich in groben Zügen festhalten will: Der depressive Typ findet sich ab, der panische nicht. Der eine scheint nichts mehr zu wollen, der andere alles. Anstelle dieses auch sonst in der Literatur als destruktiv beschriebenes Prinzip „Alles oder Nichts“ ist ein Prinzip des Wachstums anzunehmen. Auf seinem Grund wird weiteres Wachstum des Menschen, wird somit eine eigenwillige neue Lebensphase möglich. Dabei kann sich diese neue Phase für gewöhnlich auf das bisher Erreichte stützen.

Ein totaler Anfang ist ja auch nicht möglich. Das einmal gewordene Ich und seine guten und schlechten Erfahrungen bleiben. Aber es ist durchaus möglich, sein Leben soweit zu erneuern, umzuformen, dass bisher vergessene oder ausgeblendete Seiten entfaltet werden können.

© Renate Plöchl 06763138390

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