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Willkommen beim Rückblick auf die 1990er Jahre, das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende.

1990 feierte Deutschland seine Wiedervereinigung, dafür zerfiel die UdSSR und büßte ihre Stellung als Weltsupermacht ein. Das verzeiht man Gorbatschow in Russland bis heute nicht. Es zerfielen Jugoslawien mit zahlreichen leider oftmals sehr grausam geführten Kriegen, in unserer Pfarre lebten ein halbes Jahr Kinder aus Kroatien, um sie vor den Gräueln zu retten. Auch die Tschechoslowakei wurde geteilt. In Ruanda kam es zu einem Völkermord mit bis zu 1 Mill. Toten. Da hatte es Südafrika besser, Nelson Mandela, der so lange wegen seines Kampfes gegen die Apartheidpolitik seines Landes gekämpft hatte und dafür inhaftiert war, wurde zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt und für seine Versöhnungspolitik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Österreich trat der EU bei. Mobiltelefon und Internet wurden populär, man begann zu smsen , e- mails zu verschicken und zu skypen. So überwand unsere Familie manchmal die weite Entfernung zwischen uns und unserer Tochter Christine, die ein halbes Jahr Sozialeinsatz in Bolivien machte. Dazu brauchte man Internet und das World Wide Web, das es jetzt auch gab und wenn auch nicht zu Hause, dann doch im Internetcafe. Kinder spielten mit der Playstation oder mit Nintendogeräten. Sie fütterten ein „Gerätehuhn“ namens Tamagotchi und hängten sich eine Diddlmaus auf die Schultasche. Man hatte jetzt Discman statt Walkman und schaute DVDs. Man trug Neonfarben, alles war körperbetont, Netzleiberl, Spaghettiträger, bauchfrei, Tatooketten oder schon echt gestochenes Arschgeweih. Popgruppen wie die Kellyfamily , Backstreet Boys, Spice Girls begeisterten die Jugend. Aids war noch ein Todesurteil und so trauerte die Musikwelt um Freddy Mercury. In Österreich begann D.J. Ötzi seine Karriere, Forrest Gump, Jurassic Park und Sister Act gehörten zu den erfolgreichsten Filmen der Dekade.

In Leopoldau bekamen wir 1996 mit Pater Klaus einen neuen Pfarrer und der Musikverein feierte sein 50jähriges Jubiläum. Ich war mit vier Kindern erst mal Hausfrau und Mutter, daneben Tischmutter bei den Erstkommunionen, das war nicht immer ein leichtes Brot. Ich besuchte dann die Babyparties in Hl. Kreuz, dort gab es Weiterbildungsseminare und dabei habe ich über die Rolle der Frau in der Gesellschaft zum ersten Mal nachgedacht. Und seither lassen mich die Ungerechtigkeiten nicht mehr los. Ich startete auch mein Studium auf der Religionspädagogischen Akademie, es begann mein Liebesverhältnis zum Alten Testament, ohne das man meiner Meinung Jesus nicht verstehen kann und es setzze sich mein kritisches Hinterfragen so mancher Dinge des Lebens und damit mein Leiden und Unverständnis mit der Institution Kirche fort.

Immer wieder erlebte und erlebe ich lieblos hingeworfene Gottesdienste und ich denke mir, wenn das eine Frau so täte – aber weil viele Pfarren über jedes geweihte Wesen froh sein müssen, und wir im christlichen Nachsehen geübt sind, ist es in unserer Kirche so allemal besser als Frauen ran zu lassen. Die Frauenfrage wird nicht erwähnt, sie macht den Bischof traurig, sie stört jedes Zusammensein in den Pfarren, im Entwicklungsraum, in der Diözese, wahrscheinlich auch in der Weltjugendsynode. Ja sie stört auch den Gottesdienst, also wird sie totgeschwiegen. Wer will denn in Wunden rühren, darüber reden, was man eh nicht ändern kann. Ja, warum kann man es denn nicht ändern? Wie viele Menschen müsse denn noch wortlos diese Kirche verlassen, weil sie   nicht mehr als zeitgemäß empfunden wird, weil sie für Menschen dieser Zeit keine Antworten hat, weil sie falsche Signale setzt. Ist dies wirklich der von unserem Kardinal so oft beschworene Gotteswille, der sich zeigt? Vieles in der langen Kirchengeschichte war doch hoffentlich nicht Gottes Wille   sondern ist auf das weltliche Bodenpersonal mit all seinen Vorzügen aber auch Fehlern und Eitelkeiten zurück zu führen

meint Sissi Eichinger

 

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