Religiöse Texte und wie wir sie verstehen können

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Liebe Pfarrgemeinde!

Was Christen und Christinnen in ihrem Leben durch Freude, Zeugnis, Spiritualität und Liturgie feiern, ist die heilsbringende Geschichte Gottes mit seinem Volk. Für uns gipfelt sie in der Menschwerdung Christi sowie seinem Lebensbeispiel, dem wir nacheifern sollen.

Grundlage unseres Glaubens bildet die Offenbarung, die Selbstmitteilung Gottes, die nicht nur, aber wesentlich auf dem basiert, was wir an Überlieferungen in der Bibel finden. Im Wesentlichen gliedert sich unsere Bibel in zwei Teile. Den ersten Teil, das von uns sogenannte „Alte Testament“, haben wir von unseren jüdischen Glaubensgeschwistern übernommen, die diese Texte im Rahmen ihrer Religionsausübung auch heute noch als „Tanach“ verehren. Durch die „Übernahme“ dieser Texte hat die Alte Kirche schon früh die vollständige und bleibende Gültigkeit der „jüdischen Bibel“ und seiner Verheißungen für den christlichen Glauben bestätigt. Hier finden sich auch zahlreiche Messiasverheißungen Gottes, die wir Christen durch die Geburt Jesu als erfüllt ansehen. Das Neue Testament legt davon Zeugnis ab. Aus heutiger Sicht wurde diese Zusammensetzung unserer Bibel bereits sehr früh „kanonisiert“ (und damit für die Universalkirche als bindend erklärt). Dies geschah nämlich schon im Jahr 367, als der Kirchenvater und damalige Patriarch Athanasius von Alexandria in seinem Osterfestbrief erstmals sämtliche Bücher unserer Bibel aufgelistet hat.

Als heilige Schrift ist die Bibel also das Maß aller Dinge – zumindest für die Christen. Andere Religionen haben ihre eigenen, heiligen Texte und Schriften. Aber wenn es so viele Texte gibt, welche sind denn dann eigentlich „wahr“? Was kann man glauben, und was nicht? Gleich vorweg: alle Texte anerkannter Religionsgemeinschaften haben ihre Berechtigung, keiner ist besser oder „wahrer“ als der andere, sondern sie spiegeln die jeweilige Glaubensrichtung in den unterschiedlichen Religionen wider. So verschieden diese Texte also in ihrem Inhalt und ihrer Botschaft auch sein mögen, so haben sie doch etwas gemeinsam, nämlich die Tatsache, dass die meisten dieser Texte mittlerweile sehr alt sind (mehrere hundert oder sogar tausend Jahre), und dass es jemanden geben muss, der uns hilft, diese Texte zu verstehen. Also jemanden, der uns erklärt, was dieser oder jener Satz aus der Heiligen Schrift zu bedeuten hat und welche Bedeutung er für uns in unserer modernen Zeit haben kann. Das nennt man Schriftauslegung, im Christentum macht das zB. der Priester oder Pastor in der Predigt. Natürlich kann jeder selbst für sich die Bedeutung heiliger Schriften wie der Bibel oder dem Koran entdecken, das wäre ja sogar wünschenswert. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es auf jeden Fall auch eine Art gemeinsames Grundverständnis geben muss, das sich jeder Gläubige, egal ob religiöser Amtsträger oder Privatperson, zu eigen machen muss.

Problematisch wird es nämlich, wenn man auf jemanden trifft, der seine eigenen Überzeugungen und Denkweisen über das geschriebene Wort einer heiligen Schrift stellt. Das ist schon unzählige Male passiert und geschieht – leider – auch heute noch, und zwar in allen Religionen. Da werden einzelne Verse und Zeilen herausgepickt, und völlig aus dem Kontext gerissen, um die fürchterlichsten Behauptungen aufzustellen und quasi mit „göttlicher Autorität“ zu rechtfertigen. Während meiner Studienzeit in Südamerika hatte ich zum Beispiel eine Unterhaltung mit einem Medizinstudenten, der felsenfest behauptete, homosexuelle Menschen würden geradewegs in die Hölle kommen, ohne eine Chance auf ein anderes Schicksal zu haben. Als ich ihn fragte, womit er diese (aus meiner Sicht äußerst problematische) Meinung begründen würde, antwortete er mir wie aus der Pistole geschossen mit einem einzelnen Vers aus der Bibel, den sich der Student offenbar als ultimative Erklärung gut eingeprägt hatte. Ein wirklich schrecklicher Missbrauch des Wortes Gottes! Ein anderes Beispiel sind die Judenverfolgungen, die schon im Mittelalter schreckliche Ausmaße angenommen hatten, weil sich die Kirche damals felsenfest darauf eingeschworen hatte, dass es ausschließlich die Juden gewesen wären, die Jesus Christus ans Kreuz schlagen ließen. So wurde diese religiöse Volksgruppe als „Gottesmörder“ gebrandmarkt und es kam zu fürchterlichen, menschlichen Verbrechen – gerechtfertigt durch die Worte der Heiligen Schrift. Heute weiß man glücklicherweise, dass diese Interpretation falsch war.

Wir sehen also: eine heilige Schrift wörtlich oder gar einseitig zu verstehen, und so eine Interpretation für alle Menschen „bindend“ zu machen, birgt ein enormes Risiko. Als Priester und Christ kann ich ausgehend von meiner eigenen, religiösen Tradition nur sagen: es ist wichtig, die Bedeutung religiöser Texte offen zu halten! Denn sowohl die Schrift als auch der Glaube leben aus dieser Offenheit!

Natürlich gibt es in jeder Religion gewisse Grundeinsichten – im Islam zum Beispiel, dass Mohammed der Prophet und Gesandte Gottes war; im Christentum, dass Jesus der Sohn Gottes war usw. – aber über diese grundsätzlichen Feststellungen hinaus muss man sehr vorsichtig sein, einzelne Aussagen allzu sehr mit Bedeutung zu füllen. Dann besteht nämlich die Gefahr, die eigentliche Botschaft zu entfremden, sie sich gewissermaßen gewaltsam anzueignen und für unlautere Zwecke zu nutzen, die niemals angedacht waren.

Die kleine Grafik, die ihr hier neben dem Text findet (Quelle: nakedpastor.com) bringt das ganz gut auf den Punkt. Jesus spricht in dem Comic zu ein paar routinierten Bibellesern und meint nur: „Der Unterschied zwischen mir und euch liegt darin, dass ihr die Schrift nutzt, um herauszufinden, was Liebe bedeutet, während ich Liebe benutze, um die Schrift zu verstehen“.

Darum ein Appell an Euch alle: beschäftigt euch mit eurem Glauben und den dazugehörigen Texten. Das hilft euch im persönlichen Wachstum und im eigenen Leben. Seid jedoch vorsichtig, auf diesem Weg nach der Bestätigung von Vorurteilen zu suchen, die sich bei euch eingeschlichen haben!

Versucht stattdessen, immer neue Bedeutungen für die Worte eurer heiligen Schrift zu finden. Gebt euch nie mit einer einzigen Erklärung zufrieden! Versucht, euch neuen Einsichten gegenüber zu öffnen – besonders jenen, die im Sinne anderer Menschen sind, anstatt sie zu verurteilen oder auszugrenzen. Mit Blick auf Jesus Christus, der ein Sozialrevoluzzer seiner Zeit war und Toleranz, Nächstenliebe sowie Vergebung in den Mittelpunkt gestellt hat, sollte das gelingen.

Herzlichst, Ihr

Hannes Grabner

(hannes.grabner@pfarreleopoldau.at)

 

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