Ich will nicht zurück zur Normalität

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Viel ist derzeit die Rede von der weltweiten Gesundheitskrise. Auch in mir löst sie unterschiedliche und sehr breite Gefühle aus. Alle sprechen davon und hoffen darauf, dass „nach der Krise“ schnellstmöglich wieder alles „normal“ werden soll. Doch ist das so? Ich glaube, diese Krise ist schon auch ein „Zeichen der Zeit“, ein Zeichen, dass uns vor Augen führt, wie verwundbar unsere Gesellschaften durch die Globalisierung geworden ist. Und ich glaube, die Welt wird sich nach dieser Krise verändern. Nach dieser Krise wird die Welt nicht mehr dieselbe sein, und vielleicht soll sie das auch nicht sein.

Was heißt das für uns als Kirche? Wir werden umdenken müssen – wieder einmal. Erinnern wir uns daran, dass letztes Jahr Notre Dame in Frankreich abgebrannt ist, heuer sind unsere Kirchen schon seit einigen Wochen „leer“, weil keine Gottesdienste stattfinden können. Wie erklären wir uns das, jenseits der offenkundigen Ursachen von Brand und Krankheit? Gibt es vielleicht eine tiefere Bedeutung dahinter, eine Art Aufruf? Wenn man hier nach Antworten sucht, ist ein kühler Kopf wichtig. Falsch wäre es, die derzeitige Situation als Strafe Gottes zu sehen. Das führt letztlich nämlich dazu, dass Menschen in „Sünder“ und „Fromme“ unterteilt werden und dadurch ihre Gleichheit vor Gott vergessen wird. Außerdem ist Gott niemand, vor dem man sich fürchten soll. Nicht umsonst hat das Bild vom strafenden Gott Religionskritikern und Atheisten immer schon Zündstoff geliefert. Diese Zeit als Strafe Gottes abzutun ist also der falsche Weg. Nein, in Zeiten wie diesen denke ich bewusst und viel lieber an einen liebenden Gott, der für mich und für alle Menschen in dieser Zeit da ist – auch für diejenigen, die sich selbst als ungläubig beschreiben würden.

Aber ich werde die Frage nicht los: sind die leeren Kirchen vielleicht eine Art Weckruf in dem Sinne, dass sie uns eine mögliche Zukunft zeigen? Könnte es sein, dass wir auf eine Zukunft zusteuern, in der die Kirchen auch ohne Katastrophen und Pandemien leer bleiben? Wir glauben zu wissen, was die Gründe für die schon zur Gewohnheit gewordenen Kirchenaustritte und das schwindende Interesse der Menschen am Glauben sind. Doch warum bleiben wir dabei, diese äußeren Einflüsse gebetsmühlenartig dafür verantwortlich zu machen? Warum gehen wir nicht einen Schritt weiter? Warum wollen wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass vielleicht gerade ein Kapitel im langen Buch unserer Kirche zu Ende geht, und wir uns jetzt (!) auf das nächste Kapitel vorbereiten müssen? Vielleicht zeigt uns die Tatsache, dass unsere Kirchen – auch unsere Pfarrkirche Leopoldau – momentan leer bleiben, auch eine Art „versteckte“ Leere auf, die sich durch Gewohnheit und Tradition eingeschlichen haben. Eine Leere, die uns daran hindert, im Glauben weiterzugehen wie die Jünger von Emmaus, und den Menschen „draußen“ ein verstaubtes Bild von Kirche vermittelt, das von Veränderungsunwilligkeit gekennzeichnet ist. Und an dieser Stelle möchte ich gern vom allgemeinen „wir“ und „uns“, von dem ich gesprochen habe, auf ein konkretes „wir als Pfarre“ übergehen.

Die Theologie spricht oft vom „Kairos“, was ein religiös-philosophischer Begriff ist und so etwas wie den „richtigen Zeitpunkt“ meint, den man nicht verpassen darf. Vielleicht ist ja jetzt so ein „Kairos“ für uns als Kirche gekommen, auch für uns als Pfarre Leopoldau und damit für uns alle – von P. Klaus über Hector und mich bis hin zu den vielen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen unserer Pfarre und Ihnen selbst, die Sie gerade diese Zeilen lesen.

Anfangs habe ich meine Hoffnung ausgedrückt, dass die Welt nach der Krise nicht mehr dieselbe sein wird. Ich meine, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, uns wirklich zu fragen, ob wir mit dem Blick auf die Zukunft leerer Kirchenbänke nicht auch manches anders machen wollen. Diese Osterzeit war ungewohnt, aber hatte für mich persönlich durchaus viele schöne Glaubensmomente. Mir hat die Art, wie Ostern heuer gefeiert werden musste, schon auch geholfen, mich auf „das Wesentliche“ zu konzentrieren! Auf das, was letztlich das Fundament von Ostern ist. Und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob mir dieses Fundament ebenso in Erinnerung gerufen worden wäre, wenn wir heuer „wie immer“ Ostern begangen hätten – eben als das, „was wir eh schon kennen“. Und mir geht es mit dieser Empfindung nicht alleine so. Wunderschön finde ich, was mir jemand in einem Gespräch gesagt hat: „Dieses Ostern war vielleicht das intensivste Osterfest in meinem ganzen Leben!“. Das lässt mich fragen: können wir nicht auch sonst in unserem Glauben wieder mehr auf „das Wesentliche“ schauen?

Ostern hat mit Tod und Auferstehung zu tun, also mit Widerständen, mit Angst und dem Wunsch, wegzulaufen; aber auch mit der Erfahrung, dass Gott diesen negativen Gefühlen und Tatsachen nicht das letzte Wort überlässt. Mit seiner Hilfe überstehen wir leidvolle Erfahrungen, mehr noch, sie werden gewandelt in Unvorstellbares. Vielleicht ist jetzt der Moment, wo wir uns sagen sollen: „Meine bisherige Art, mich und andere Menschen für den Glauben zu begeistern, wurde gekreuzigt. Jetzt folgt die Auferstehung! Ich muss den Stein wegrollen!“. Und dann wird Ostern vielleicht wieder einmal konkret.

Euer Kaplan

Hannes Grabner

 

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