Vom Impfen und vom Gottvertrauen

Der feine Unterschied zwischen Glaube und Dummheit

Egal wo ich gerade herumkomme, und egal mit wem ich spreche, überall taucht früher oder später das Thema „Impfen“ auf. Verstehen kann ich das schon, immerhin hat die Corona-Pandemie unser Leben in allen Bereichen auf den Kopf gestellt. Auch ich musste auf viele Dinge verzichten, die mir eigentlich wichtig sind. Darum ist es doch eine gute Nachricht, wenn es jetzt bald eine Impfung gegen Corona gibt, oder nicht? Ich finde schon. Aber nicht alle sind meiner Meinung. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich in unserem Pfarrblatt von den Corona-Impfungen spreche. Ganz einfach: auch dieses Thema hat mit dem Glauben zu tun. Wo fange ich an? Vielleicht mit einer Geschichte, die ganz gut beschreibt, worum es mir geht:

Während einer schlimmen Überschwemmung sitzt ein Überlebender auf dem Dach seines Hauses und betet: „Lieber Gott, rette mich und schicke mir Hilfe!“. Da kommt ein Hubschrauber und lässt dem Mann eine Leiter herunter. Aber der lehnt ab und ruft: „Schon gut, der liebe Gott wird mich retten!“. Nach einer Weile kommt die Feuerwehr mit einem Boot, aber wieder schickt der Mann die Retter weg. „Der liebe Gott wird mir schon helfen!“. Am Ende wird der Mann von den Wassermassen weggeschwemmt und stirbt. Im Himmel angekommen fragt er Gott: „Wieso hast du mir nicht geholfen?“. Doch Gott schaut ihn nur verwundert an und antwortet: „Ich habe dir geholfen, aber du hast meine Hilfe jedes Mal abgelehnt…“.

Quelle: pixabay.com

Ich glaube, mir hat diese Geschichte vor langer Zeit jemand als Witz erzählt. Und auch wenn sie mich ein wenig zum Schmunzeln bringt… lustig ist sie eigentlich nicht. Im Gegenteil, sie enthält viel Wahrheit. Die Grenze zwischen Gottvertrauen und Dummheit ist manchmal sehr dünn. Gottvertrauen heißt nämlich nicht, die eigene Verantwortung abzugeben. Es heißt nicht, eine Art Versicherungsschein vom „lieben Gott“ zu haben, also quasi die Bestätigung, dass „alles nach Plan“ laufen wird oder „dass mir nichts passiert“. Eine „totale Sicherheit“ gibt es nicht und wird es nie geben. Das muss man aber erst einmal akzeptieren können, und vielen Menschen fällt das sehr schwer. Notwendig ist es aber trotzdem, glaube ich. Denn erst wenn man verstanden hat, dass im Leben immer eine gewisse Unsicherheit bleibt, also ein Bereich, in dem man sich nicht absichern kann, und erst, wenn man diese Unsicherheit auch angenommen hat, erst dann kann man sagen: „Eines ist ganz sicher und fix: du bist Gott. Und auf dich, Gott, ist Verlass! Dir vertraue ich mich an!“.

Das soll man aber nicht nur sagen, sondern das muss man leben. Gelingen wird das nur, wenn man an Gott glaubt. Wenn man wirklich glaubt, dass er am Schluss derjenige ist, der einen auffängt – ganz egal, wie tief man vorher gefallen ist. Das ist nicht immer leicht, das weiß ich schon. Ich bin mir im Glauben auch nicht immer ganz sicher (das ist übrigens niemand)! Aber das Leben kann nur dann gelingen und Freude machen, wenn man sich traut, diesen „Sprung“ ins Ungewisse und in die Unsicherheit zu machen.

Also was ist nun mit dem „Gottvertrauen“? Ist es ein Garantieschein, dass mir nichts passiert? Nein, das ist es nicht. Und mit Vertrauen hat so eine Denkweise auch nicht viel zu tun. Vertrauen kann nicht heißen, dass ich die Verantwortung für mein Leben auf Gott abschiebe. Unser Hirn und unseren Verstand haben wir schließlich bekommen, damit wir sie benutzen. Wir sind schon dazu aufgefordert, in unserem Leben vorsichtig und verantwortungsbewusst zu sein. Man muss nicht jedes Risiko eingehen. Wenn ich ohne Übung, ohne Kondition und ohne Sicherung auf einen Berg klettere, dann darf ich mich nicht wundern, wenn ich herunterfalle. Gott begleitet uns und gibt uns eine letzte Sicherheit – das dürfen wir schon glauben. Aber unsere Eigenverantwortung nimmt er uns nicht ab! Wir sind Gott weder ausgeliefert, noch sind wir seine Marionetten, bei denen er die Fäden zieht. Es ist eben nicht „alles vorherbestimmt“! Wie froh ich darüber bin! Denn sonst würde das Vorurteil stimmen, dass gläubige Menschen nur „arme, naive Hascherln“ sind. Nein, das sind wir wirklich nicht, sondern uns ist unsere Freiheit geschenkt worden, unsere Eigenverantwortung, die wir nutzen können und sollen. Jeden Tag aufs Neue!

Und die Corona-Impfung? Eine Frau hat mir kürzlich gesagt, sie möchte sich nicht impfen lassen. Sie vertraut Gott, dass sie vor der Krankheit bewahrt bleibt wie bisher. Ein bisschen erinnert sie mich an den Mann aus der Geschichte. Und schließlich habe ich zu ihr gesagt, was ich euch gerade über den schmalen Grat von Gottvertrauen und Dummheit geschrieben habe.

Ich wünsche euch, dass ihr gesund bleibt, dass ihr bald Gelegenheit habt, euch impfen zu lassen und – das ist vielleicht das Wichtigste von allem – dass ihr euch traut, euch auf die Unsicherheiten des Lebens einzulassen… in dem Wissen, dass ihr alles getan habt, um mit euch selbst und anderen Menschen liebevoll und verantwortungsvoll umzugehen. Und im Wissen, von Gott getragen zu sein. So geht Glaube, und so geht Leben.

Mit lieben Grüßen,

Hannes Grabner, Kaplan

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